Novesengeschichte

Die Katholische Deutsche Studentenverbindung Novesia im CV wurde am 10.Januar 1863 gegründet. Damals schlossen sich Abiturienten aus Neuß zu einem Theologenkränzchen zusammen. Das Theologenkränzchen, das nun neu ins Leben trat, trug von Anfang an Merkmale eines Vereins. Davon zeugen die Statuten, sie lagen bereits bei seiner Konstituierung vor und charakterisierten den Freundeskreis als „katholisch theologischen Verein Novesia“, womit die Initiatoren auch fortan ihre Verbundenheit mit dem gemeinsamen schulischen Herkunftsort bekundeten. 1890 zählte Novesia bereits 176 Mitglieder, davon 153 Alte Herren und 41 Aktive.

Theodor Camphausen aus Rheydt gehörte zu den Gründern der Novesia.

Die Weiterentwicklung zu einer farbentragenden katholischen Korporation vollzog sich in den 1890er Jahren rasch. Um diese Zeit wurde auch die Frage aktuell, ob man sich einem der großen katholischen Dachverbänden, dem farbetragenden CV oder dem nichtfarbetragenden KV, anschließen sollte. Letztlich scheiterte ein Anschluss jedoch daran, dass beide Verbände jeweils nur eine Verbindung an den einzelnen Hochschulorten aufzunehmen bereit waren. Ein überörtlicher Zusammenschluss lag nahe, erschien gar als notwendig, als bei den Vereinsmitgliedern ein häufiger Wechsel der Universität üblich wurde und ihnen am neuen Studienort die Integration in eine gleichermaßen wie die Urverbindung orientierte Gemeinschaft ermöglicht werden sollte.

Novesia fand dann in der seit 1847 in Münster bestehenden Sauerlandia eine adäquate Partnerin. Mit ihr vereinbarte sie mit Wirkung vom 7. April 1891 eine Cartellvereinigung. Bereits im Zusammenhang mit den gemeinsamen Beratungen trug die Verhandlungsdelegation der Novesia erstmals das rot-weiß-rote Band. Der Beschluss, dass Novesia eine farbentragende Verbindung werde, fiel am 27. Mai 1892. Das mit Sauerlandia geschlossene Cartell erweiterte sich bis um die Jahrhundertwende um sechs auf insgesamt acht Verbindungen. 1904 änderte das Cartell seinen Namen in „Katholischer Deutscher Verband farbentragender Verbindungen“(KDV).

Wappenkarte der KDV-Verbindungen.

Seit CV, KV und Unitas ende der 1890er Jahre das Prinzip aufgaben, an den einzelnen Universitäten jeweils nur eine Korporation in ihren Verband aufzunehmen, stellte sich bald auch den Novesen die Frage nach einem weiteren Ausbau der eigenen Cartellvereinigung oder nach Annäherung an den CV. Langwierige Verhandlungen führten schließlich am 15. März 1911 zur Übernahme der KDV-Korporationen in den CV. Der CV zählte am 1. Dezember 1910 in 71 Verbindungen 3339 Mitglieder, durch Verschmelzung mit dem KDV erhöhte sich der Bestand um 959 auf 4298 Mitglieder.

Novesia nahm bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine erfreuliche Entwicklung. Sorge bereiteten allerdings die steigenden Kosten für die häufig wechselnden Mietkneipen. Dem konnte nur durch den Kauf eines eigenen Hauses abgeholfen werden. 1909 erwarb man das erste eigene Haus in der Königstraße 25. Schon wenige Jahre später, im Wintersemester 1911/12, erfolgte der Umzug in das weit angemessenere Haus in der Endenicher Straße 33. Der Wechsel kam zeitig genug, um ein Jahr später aus nah und fern zur Feier des 50jährigen Bestehens der Korporation angereisten Novesenfamilie die Geräumigkeit der neuen Liegenschaft vor Augen zu führen.

Der in den ersten Kriegsjahren mühsam aufrechterhaltene Verbindungsbetrieb kam vom Wintersemester 1916/17 an völlig zum Erliegen. Kein einziger Aktiver war mehr am Ort. Als die Waffen im November1918 endlich schwiegen, hatte Novesia den Verlust von 26 gefallenen Bundesbrüdern zu beklagen.

1919 wurden Aktivitas und Philisterium wiederbelebt. Mit 19 Rezeptionen schien ein hoffnungsvoller Auftakt für den Weg in eine Zukunft gegeben. Das starke Interesse von Studierenden katholischer Konfession, Novesia beizutreten, kennzeichnet die zwanziger Jahre. Es gab Semester mit 20 und mehr Anträgen auf Rezeption. Berichte hierüber führen den Andrang zurück auf die Reputation, die Novesia sich über die Universitätsstadt hinaus erworben hatte.

Kardinal Schulte als Student 1892.

Das hervorragende Ansehen der Korporation dürfte aber sicherlich auch darauf zurückzuführen sein, dass einige Mitglieder in Kirche und Staat an herausragenden Positionen wirkten, so Karl Joseph Kardinal Schulte, 1920-1941 Erzbischof von Köln, der langjährige, insbesondere unter der Nazidiktatur bewährte Stadtdechant von Bonn und Oberpfarrer an der Münsterkirche, Johannes Hinsenkamp (1870-1949) sowie der in zwölf verschiedenen

Stadtdechant J. Hinsenkamp als Student.

Kabinetten von 1920 bis 1928 im Amt des Reichsarbeitsministers verbleibende Dr. rer. Pol. Heinrich Brauns (1868-1939). Als attraktiv erwies sich natürlich auch das Verbindungshaus Endenicher Straße 33; allerdings entsprach es mittlerweile nicht mehr den Bedürfnissen einer zahlenmäßig stark gewachsenen Korporation. Daher wurde es verkauft und das Haus Mozartstraße 13 erworben, ein größeres, stattlicheres, auch in vorteilhafterer Umgebung gelegenes Objekt. 

 

Seit Hitler am 30. Januar 1933 mit der Regierungsneubildung beauftragt wurde, nahm der NS-Studentenbund alleinbestimmenden Einfluss im Sinne der Parteiideologie auf die Belange der Studentenschaft. Nach dem im Dritten Reich geltenden „Führerprinzip“ war auch für die Leitung des CV ein „Führer“ zu bestellen. Analog dazu wurde aus dem bisherigen Philistersenior „Führer“ der jeweiligen Altherrenschaft. Der Weiterbestand der Korporationshäuser hing davon ab, ob sie als sogenannte Wohnkameradschaften anerkannt waren, und das bedingte wiederum den Nachweis entsprechender Einrichtungen.

Der Fuchsenstall vor dem Haus Mozartstraße, 1933.

So sah sich Novesia im Herbst 1933 zur Erhaltung des Hauses Mozartstraße 13 genötigt, unter beträchtlichem Aufwand bauliche Veränderungen vorzunehmen, wodurch die Anerkennung als „Wohnkameradschaft“ gesichert war. Alle Studierenden der beiden ersten Semester wurden von den Nazis verpflichtet, entweder in eine allgemeine studentischen, vom NSDStB geleiteten Kameradschaftshaus zu wohnen oder in einem Korporationshaus mit dieser Anerkennung. Für Füchse wurde eine militärisch strenge, minutiös pedantische Tageseinleitung angeordnet.
Trotz stärkster Behinderung behauptete sich Aktivitas und Philisterium bis 1936. Zwei Erlasse des „Stellvertreters des Führers“ verschärften in diesem Jahr die Lage: Der eine verbot die Doppelmitgliedschaft in NS-Gliederungen und Korporationen, der andere verpflichtete die Studierenden der drei ersten Semester, in den NS-Studentenbund einzutreten. Die Absicht der braunen Machthaber war klar: Die Korporationen sollten allmählich gleichsam „ausgehungert“ werden.

Dem „Verbindungsführer“ Novesiae blieb nach Lage der Dinge keine andere Wahl: Im Einvernehmen mit dem Senior der Aktivitas suspendierte er diese am 24. Mai 1936. Altherrenschaft und Verein Novesenhaus bestanden zunächst weiter, bis auch sie dem Runderlaß des „Reichsführers SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern“ vom 20. Juni 1938 zum Opfer fielen. Das Haus Mozartstraße 13 war nicht zu halten; es wurde zwangsverkauft.

Obwohl verboten, wurde auch 1942 Stiftungsfest gefeiert.

Sehr rasch bildete sich indes ein Freundeskreis – Novesen und Cartellbrüder aus anderen katholischen Korporationen -, der unter dem Tarnnamen „Conrübia“ die Tradition der Novesia weiter pflegten, Convente abhielten, gesellige Veranstaltungen arrangierte, jeweils in wechselden Lokalen in und außerhalb Bonns, sogar Rezeptionen vornahm und sich ein eigenes Couleurband zulegte. Der Kreis änderte aus Gründen der Tarnung im Juni 1942 den Namen; er firmierte fortan für Eingeweihte als „Coronia“, zählte annähernd 100 Mitglieder und bestand bis zum Sommer 1944.

Mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 brach das NS-Regime zusammen. Trotz des strikten Verbots, die von den Nazis aufgelösten Organisationen einschließlich akademischer Traditionsverbänden samt den studentischen Vereinigungen zu reaktivieren, machten beherzte Novesen sich schon im Sommer 1945 daran, eine Wiederbegründung des Altherrenverbandes wie der Aktivitas Novesiae vorzubereiten. Auf ihre Initiative hin gelang es, schon im Sommersemester 1946 eine kleine Gruppe interessierter Studenten zusammenzubringen und mit Inhalt und Tradition der Novesia vertraut zu machen. Novesia hatte damit als erste der ehemaligen Bonner katholischen Korporationen wieder eine studentische Gruppe, die einer traditionellen Aktivitas vergleichbar war.

Die ersten Chargen 1946 – Paul Saftig, Hermann Rosenkranz, Hans Baches

Bestimmend für die weitere Entwicklung in der von Verfechtern des CV in der britischen Zone angestrebten Richtung war die Entscheidung der Militärregierung vom 22. August 1946. Sie genehmigte die Wiederbegründung des CV-Altherrenbundes in ihrer Zone, bezeichnete es im Oktober desselben Jahres als unbedenklich, sogar wünschenswert, wenn Altherrenschaft früherer katholischer Korporationen die Betreuung studentischer Gemeinschaften in Form von „Patenschaften“ übernähmen und den Studenten Rückhalt und Förderung böten. Dies zu tun, war die intern neu formierte Altherrenschaft der Novesia bereits auf gutem Wege.

Eintrag im Bau-Tagebuch für unser Novesenhaus in der Loestraße 21.

Die Hoffnung auf Restituierung des in der Nazizeit zwangsversteigerten Gebäudes Mozartstraße 13 war vage und zerschlug sich auch bald. Die Zahlung einer Abstandssumme des Käufers bildete den Grundstock für den Erwerb der Liegenschaft Loestraße 21. Nach der Grundsteinlegung am 10. November 1957 konnte der Neubau in der Loestraße 21 dank finanzieller und ideeller Unterstützung von vielen Seiten schon am 12 Juli 1958 seiner Bestimmung übergeben werden.

Dr. Klaus Weinandy

Benutzte Quellen und Literatur:
Materialien im Novesen-Archiv

Stercken, Hans (Hrsg.), 100 Jahre KDStV Novesia an der Universität Bonn. Eine Festschrift alter und junger Novesen, Bonn 1963.

Klaus Gruhn (Hrsg.), „Auf, ihr Freunde, eilt zum Banner …“ : die K.D.St.V. Novesia im CV in Geschichte und Gegenwart : Chronik zum 150-jährigen Bestehen einer Korporation am Rhein, Warendorf/Bonn 2015